Psyche, Körper, Geschlecht: Klassifikationen und Interventionen in Medizin und den Psych-Wissenschaften im 20. Jahrhundert

Ein kollaboratives Team im Rahmen des SFB 1665 „Sexdiversity – Determinanten, Bedeutungen und Implikationen der Geschlechtervielfalt in soziokulturellen, medizinischen und biologischen Kontexten“ organisiert eine Konferenz zum Thema Psyche, Körper, Geschlecht – Klassifikationen und Interventionen in Medizin und den Psych-Wissenschaften im 20. Jahrhundert.

Psyche, Körper, Geschlecht: Klassifikationen und Interventionen in Medizin und den Psych-Wissenschaften im 20. Jahrhundert

Geschlecht zählt zu den zentralen Ordnungskategorien moderner Gesellschaften – und ist zugleich ein Feld permanenter Revision, Ausdifferenzierung und Re-Klassifikation. Vom traditionellen binären Modell männlich/weiblich über heutige Konzepte wie cis/trans/non-binär bis hin zu komplexen Verschränkungen von Körper und Identität sind Geschlechterordnungen historisch immer wieder neu hervorgebracht, stabilisiert und infrage gestellt worden. Bei diesen Ordnungssystemen spielen und spielten Wissenschaften eine entscheidende Rolle. Zugleich ließen sich die wissenschaftlich erzeugten Klassifikationen kaum jemals auf das akademische Feld begrenzen. Sie interagierten stets mit kulturellen Vorstellungen, gesellschaftlichen Regelsystemen und gelebten Biographien. Denn Klassifikationssysteme fungieren nicht nur als epistemische Werkzeuge, sondern strukturieren auch Prozesse der Subjektivierung und bilden den Ausgangspunkt für normierende Praktiken, klinische Behandlungstechniken, institutionelle Zuweisungssysteme und politische Interventionen.

Die Tagung widmet sich der historischen Analyse 1. solcher Klassifikationsprozesse sowie 2. daran anknüpfender Interventionspraktiken im 20. Jahrhundert, insbesondere in zwei eng miteinander verflochtenen Wissensbereichen: in der Medizin und den Psych-Wissenschaften. Um 1900 differenzierten sich beide Wissensbereiche und entwickelten verschiedene Subfelder, in denen auch Wissen über Geschlecht produziert wurde. Diese Felder entwickelten je eigene, zugleich aber aufeinander bezogene Ordnungssysteme von Geschlecht, die sowohl den Körper als auch die Psyche nach geschlechtlichen Kriterien klassifizierten.

Mit einigen dieser Systeme waren zudem Kausalmodelle verbunden, die die Ebene der Psyche mit der des Körpers verbanden. Sie konzipierten die vergeschlechtlichte Psyche als Produkt von körperlichen Prozessen im Sinne einer Somatisierung und Biologisierung.

Ebenso wurde zunehmend von einer Formbarkeit sowohl des körperlichen als auch des psychischen Geschlechts ausgegangen, was wiederum verschiedene Interventionspraktiken hervorbrachte. Diese dienten meist der Vereindeutigung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts durch operative Eingriffe. Die Materialisierung von Geschlecht in Geschlechtshormonen begründete aber auch andere Interventionsformen wie Hormontherapien, die auf dem Weg über den Körper auch auf die Psyche transformierend einwirken sollten. Solche Praktiken hatten oft auch experimentellen Charakter und schlugen Brücken zwischen Klinik und Grundlagenforschung.

Programm

Donnerstag, 29. Oktober 2026

11:00–11:30 Ankommen, Kaffee

11:30–11:45 Begrüßung (15 Min.)

11:45–12:15 Zum „Nachklang“ der sexuellen Zwischenstufen. Ihre Entwicklung in der Weimarer Republik und die (Nicht-)Rezeption nach 1945
Peer Groß, Frankfurt a. M.
Moderation: Rainer Herrn

12:15–12:30 Kaffeepause

12:30–13:00 Depression – Geschlecht – Sozialismus: Annäherung an das Verhältnis von Depression und Geschlecht in der Psychiatrie der DDR von den 1950er- bis 1970er-Jahren am Beispiel von Halle (Saale)
Charlotta Cordes, Halle (Saale)

13:00–13:30 Remaking Gender: Zur familientherapeutischen Rekonfiguration von Geschlecht bei Kindern mit Variationen der Geschlechtsmerkmale an der Leipziger Kinderklinik, c. 1970–1990
Annalena Fuchs, Berlin

13:30–14:30 Mittagspause

14:30–15:00 Verkörperung von „Aggressivität“ und „Gefährlichkeit“ im Kontext des westdeutschen Kastrationsgesetzes von 1969
Matthis Krischel und Frank Sparing, Düsseldorf
Moderation: Evan Sedgwick-Jell

15:00–15:30 Von der Konversionshysterie zum abnormen Krankheitsverhalten: Medizinisch unerklärte Symptome und geschlechtsspezifische Patientenglaubwürdigkeit in der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts
Paula Muhr, Hamburg

16:30-18:30 Besuch im Schwulen Museum Berlin; Führung durch das Archiv des Museums

19:00 Gemeinsames Abendessen

Freitag, 30. Oktober 2026

09:30–09:45 Begrüßung (15 Min.)

09:45–10:15 Medikamente in der Kinder- und Jugendpsychiatrie – Vergeschlechtlichte Behandlungsregime zur Zeit der „pharmakologischen Revolution“
Camille Koch (Lausanne)
Moderation: Ketil Slagstad

10:15–10:45 Alles wegen Bleuler? Der Umgang und die Behandlung von trans Personen in der Klinik Burghölzli von 1940-1970
Frédéric Mader (Lausanne)

10:45–11:00 Kaffeepause

11:00–11:30 Konversionstherapien für Homosexualität – Geschichte, psychische Folgen und deren Behandlung
Amelie Uhlich (Düsseldorf)

11:30–12:00 Abschied der Teilnehmenden, die nicht am Workshop teilnehmen

Anmeldungen bitte bis zum 1. September 2026 bei Jakob Pruß: gad.jakob.pruss(at)hu-berlin.de

Veranstaltungsort

Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6

Kontakt

gad.jakob.pruss(at)hu-berlin.de

Veranstalter

Xenia Steinbach, SFB 1665 „Sexdiversity“, Medizinische Hochschule Hannover; Sophia Wagemann, SFB 1665 „Sexdiversity“, Charité – Universitätsmedizin Berlin; Kerstin Palm, SFB 1665 „Sexdiversity“, Humboldt-Universität zu Berlin; Lisa Malich, SFB 1665 „Sexdiversity“Universität zu Lübeck